Die Idee
Das Konzepzt einer Delphi-Börse basiert auf der Überlegung, daß
die Zukunft im kollektiven Unterbewußtsein antizipiert wird. Da dieser
Vorgang von Imagination in der Regel nicht als individueller und bewußter
Prozeß abläuft, wird ein Werkzeug benötigt, um die ungedachten
Zukünfte zu erschließen und abzubilden.Die Delphi-Börse
kann als ein Thermometer betrachtet werden, mit dem die nur unbewußt
vorhandenen Realitäten einer (großen) Personengruppe durch einen
spielerischen Prozeß "gemessen" werden. Genau wie im "I Ging" geht
es bei der Delphi-Börse um das Beschreiben des "So-Seins" und das
Erkennen von Tendenzen für das "So-Werden" der Realität.
Die Delphi-Börse bedient sich zu diesem Zweck der "Wette": Die
TeilnehmerInnen wetten auf den Ausgang oder das Eintreten zukünftiger
Ereignisse. Diese Ereignisse können politischer (Wahlergebnisse),
kultureller (Charts), sozialer Natur (Arbeitslosenzahlen)
oder andere interessante Begebenheiten sein.
Die Skalen, auf denen die Delphi-Börse Daten liefert, sind die
Wettquoten, die Anzahl der teilnehmenden Personen, Wett-Umsatz, Wettfrequenz
und am wichtigsten: die Wett-Themen. In diesem Konzept wird auf die Interpretation
der Daten und die daraus resultierende Information nicht weiter eingegangen.
Die Delphi-Börse stellt ausschließlich die technische Infrastruktur
(Internet) sowie die Software für die Verwaltung der Wetten zur Verfügung.
Die Wetten werden von der Delphi-Börse nicht vorgegeben oder zensiert.
Jede teilnehmende Person kann eine Wette anbieten. Findet sich mindestens
eine zweite Person, die die Wette annimmt und einen Gegeneinsatz macht,
so wird die Wette freigegeben und weitere Personen können sich an
dieser Wette beteiligen.
Zudem arbeitet die Delphi-Börse als non-profit-Organisation.
Alle Einsätze einer Wette werden nach Abzug der operationellen Kosten
nach einem Schema an die WettteilnehmerInnen ausgezahlt.
Die Konkretisierung
Die Delphi-Börse nutzt die globale Kommunikations-Infrastruktur des
Internets. Jede Person mit Internet-Zugang kann an den Wetten der Delphi-Börse
teilnehmen.
Die Delphi-Börse übernimmt dabei folgende Aufgaben:
- Verwaltung und Kontoführung von TeilnehmerInnen
- Verwaltung der Wetteinsätze und der Wetten
- Protokollieren der operationellen Daten zur Auswertung
- Ermittlung von Wett-Entscheidungen
Die ersten drei Punkte dieser Liste sind einfache "Buchhalter"-Funktionen,
die ohne große Probleme in Software umgesetzt werden können
und hier nicht weiter besprochen werden müssen.
Die (software-technische) Herausforderung der Delphi-Börse verbirgt
sich hinter dem dritten Punkt: das automatische Ermitteln und Bewerten
von Wett-Entscheidungen. Unter diesem Aspekt gliedern sich Delphi-Wetten
in verschiedene Kategorien:
... Auswahl-Wetten:
Wetten, in denen die Anzahl der Möglichkeiten für den Ausgang
der Wette beschränkt sind, werden als Auswahl-Wetten bezeichnet.
Beispiele für Auswahl-Wetten sind: "Wird die SPD bei der nächsten
Landtagswahl unter 10% rutschen?" (2 Möglichkeiten) oder "In welchem
Bundesland wird es 1998 die meisten BSE-Fälle geben?" (16 Möglichkeiten).
VerliererInnen gehen leer aus (keine Zahlung); allen GewinnerInnen wird
ein Gewinn ausgezahlt, der proportional zu ihrem Einsatz ist.
... Freie Wetten:
Wetten, in denen auf Zahlen, Datumsangaben oder ähnliche kontinuierliche
Wett-Resultate gespielt wird, werden als Freie Wetten bezeichnet.
Ein Beispiel für eine freie Wette ist die Wette "Wieviele Arbeitslose
wird es in Deutschland 1999 geben?". Sollten eine oder mehrere Personen
die tatsächliche Zahl exakt gewettet haben, wird eine freie Wette
automatisch wie eine Auswahl-Wette ausbezahlt. In der Regel wird es aber
keine eindeutigen "Gewinn-Situation" geben; Gewinn oder Verlust müssen
diesen Fällen aus der Nähe der Wettaussage zum wirklichen Ergebnis
berechnet werden. Auch hier soll der Gewinn proportional zum Einsatz sein.
Problem: Automatisches Bewerten von Wett-Aussagen ...
Das automatische Bewerten von Wett-Entscheidungen, vor allem bei freien
Wetten, erfordert eine Metrik für Wettaussagen, die mehr als die bloße
Entscheidung falsch/wahr liefert. Möglicherweise muß diese Metrik
fest vorgegeben werden, indem nur definierte Kategorien von Wett-Aussgaben
akzeptiert werden. Diese Kategorien würden zahl-mäßige
Aussagen (wieviele?), Datums-bezogene Aussagen (wann?) sowie Enumerationenen
(welche Person, welche Partei, welche...) enthalten. Eine Start-Liste von
erlaubten Kategorien sowie deren Metrik sollte festgelegt werden. Diese
Liste muß frei erweiterbar sein: MitspielerInnen eine Wette mit bisher
unbekannter Kategorie ausführen wollen, müssen sich auf eine
Metrik einigen.
Interface-Elemente für die Definition,Verwaltung und Anwendung
von Metriken müssen als Java-Applets entwickelt werden.
Problem: Automatisches Ermitteln von Wettergebnissen
Das automatische Ermitteln von Wettergebnissen teilt Delphi-Wetten in
zwei weitere Gruppen:
Wetten, die an einem bestimmten Tag "fällig" werden
"Wieviele Obdachlose wird es am 1.September 1997 in Bayern geben"?
Wetten, die "fällig" werden, wenn eine vorgegebene Wettbedingung
erfüllt ist
"Wann überschreitet die Zahl der Verkehrstoten die 10.000 Marke?"
Beiden Gruppen ist die folgende Aufgabe gemein: Um die Wette ermitteln
zu können, müssen die für die Bewertung notwendigen Informationen
bzw. die passenden Informationsquellen bekannt sein: Wo im Internet
finden sich die für die Entscheidung der Wette notwendigen Informationen
und wie verläßlich oder vertrauenswürdig sind diese Informationen?
Für die zweite Gruppe von Wetten muß diese Information kontinuierlich
während der Laufzeit der Wette gesucht und bewertet werden; Wetten
der Gruppe 1 werden nur einmal bewertet und sind damit weniger aufwendig.
Jede Delphi-Wette wird durch ein Buchmacher-Objekt verwaltet.
Dieses Buchmacher-Objekt nimmt nicht nur die Wettaussagen und -einsätze
der WettteilnehmerInnen entgegen, sondern beauftragt auch Agenten-Objekte
mit der Suche nach den benötigten Informationen. Dazu muß das
Buchmacher-Objekt die Wette kategorisieren - entweder selbstständig
oder durch Konsens der Wett-TeilnehmerInnen - und das "passende" Agenten-Objekt
von der Delphi-Börse anfordern.
Für die Generierung des passenden Agenten-Objektes greift
die Delphi-Börse auf ein wachsendes Repository von bewerteten Informationsquellen
zurück. Dazu werden kontinuierlich Scout-Objekte in das Internet
geschickt, die neue Informationsquellen finden und zur Bewertung registrieren.
Die Bewertung wird nicht automatisiert werden können; die Delphi-Börse
sollte allen Besuchern, also nicht nur den Wett-TeilnehmerInnen, Funktionen
zum Bewerten eines Informationspools in die Hand geben (Konsens-Bewertung).
Um Wett-Manipulationen durch manipulierte Informationsquellen zu verhindern,
müssen alle Wett-TeilnehmerInnen sich auf eine oder mehrere Informationsquellen
einigen. Unstimmigkeiten in den Informationen, die zur Bewertung einer
Wette benötigt werden, werden zuerst in der Gruppe der TeilnehmerInnen
diskutiert und der Wettausgang durch Konsens festgelegt. Sollte dies nicht
gelingen, dann muß ein unabhängiges Gremium aus Personen, das
nicht in die Wette involviert ist, eine Entscheidung über den Ausgang
der Wette treffen.
Agenten-Objekte operieren selbstständig bei ihrer Informationssuche.
Je nach gesuchter Information können unterschiedliche Suchstrategien
implementiert sein.
Epilog
Die in diesem Konzept formulierten Wetten sind absichtlich provokant gehalten.
Sie formulieren potentielle Realitäten, die von den meisten Personen
verdrängt werden. Eine der Aufgaben der Delphi-Börse ist damit
der Realitätsabgleich; die damit verbundene Hoffnung ist, daß
die Beschäftigung mit potentiellen Zukünften zu Entscheidungen
für ein Handeln in der Gegenwart führt.
Für die Delphi-Börse könnte die Abwandlung eines bekannten
Spruches passen: "Wer nicht aus der Zukunft lernt, ist dazu verdammt,
die Vergangenheit zu wiederholen."
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